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Campus Verlag GmbH

Kurfürstenstr. 49
60486 Frankfurt/M.

Bücher für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
Campus Frankfurt / New York ist einer der erfolgreichsten konzernunabhängigen Verlage für Wirtschaft und Gesellschaft. Campus-Bücher leisten Beiträge zu politischen, wirtschaftlichen, historischen und gesellschaftlichen Debatten, stellen neueste Ergebnisse der Forschung dar und liefern kritische Analysen.

Campus wurde als Verlag für kritische Sozialwissenschaften gegründet. Heute umfasst das Wissenschaftsprogramm des Weiteren noch die Bereiche Geschichts- und Kulturwissenschaft sowie Philosophie. Neben ausgewählter Fach- und Forschungsliteratur für die akademische Zielgruppe wird besonderer Wert auf das publikumsorientierte wissenschaftliche Sachbuch zu aktuellen gesellschaftlichen Themen gelegt. Ein weiterer Schwerpunkt sind Lehr- und Studienbücher sowie Studienratgeber, die sich an den Bedürfnissen von Studierenden und Lehrenden orientieren.

Postkoloniale Erinnerungslandschaften

Postkoloniale Erinnerungslandschaften

Wie Deutsche und Herero in Namibia des Kriegs von 1904 gedenken

Larissa Förster

Erscheinungstermin:
14.06.2010
kartoniert
391 Seiten, 45 Abbildungen
EAN 9783593391601
€ 39,90
Die Kolonisierung Namibias durch das Deutsche Reich mündete 1904 in einen Kolonialkrieg: Herero erhoben sich gegen die deutsche Kolonialmacht; diese führte in der Folge einen erbitterten Krieg gegen große Teile der afrikanischen Bevölkerung des Landes.

Bis heute erinnern deutsch- und hererosprachige Namibier an dieses zentrale Ereignis namibischer Geschichte.

Larissa Förster untersucht die mündlichen Überlieferungen von Deutschen und Herero in Namibia und analysiert die Gedenkfeiern, die beide Gruppen seit den 1920er Jahren regelmäßig begehen.

Sie stellt Entstehung und Wandel ihrer Erinnerungskulturen dar und entdeckt dabei zahlreiche Verflechtungen - im kolonialen wie im postkolonialen Kontext.

Autorin: Larissa Förster
Larissa Förster, Dr. phil., ist Ethnologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Internationalen Forschungskolleg Morphomata an der Universität Köln.



I Einführung

1 Thema und Fragestellungen

Im Januar 1904 brach in Deutsch-Südwestafrika, einer der vier afrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches, ein Krieg aus. Mehrere Bevölkerungsgruppen des südwestlichen Afrika erhoben sich gegen die deutsche Kolonialverwaltung und leisteten Widerstand gegen die fortschreitende Kolonisierung. Betroffen waren das heutige Zentral- und Südnamibia und damit vor allem herero- und nama- bzw. damarasprachige Gruppen. Der Krieg dauerte annähernd vier Jahre. Unter Einsatz brutaler Methoden der Kriegführung und nicht zuletzt durch ihre technische Überlegenheit konnte die deutsche Kolonialmacht den Widerstand der einheimischen Bevölkerung brechen. Der Ausgang des Krieges schuf Machtverhältnisse zwischen Europäern und Afrikanern, die während der nächsten acht Jahrzehnte, das heißt bis zur Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990, fortbestehen sollten. Die langfristige und umfassende Entrechtung und Enteignung der schwarzen Bevölkerung sowie die räumliche Segregierung weißer und schwarzer Landesbewohner wurden zu Kennzeichen des (deutsch-)südwestafrikanischen Alltags. Erst 1990 wurde Namibia nach einem über dreißigjährigen Befreiungskampf mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft unabhängig. Die in der Kolonialzeit etablierten Strukturen wirken jedoch bis heute nach, etwa in der ungleichen Verteilung von Landbesitz zwischen weißen und schwarzen Namibiern, und in der Verarmung breiter Schichten der afrikanischen Bevölkerung.

›Sieger‹ und ›Besiegte‹ leben heute Seite an Seite als Bürger der Republik Namibia. Die Nachkommen deutscher Siedler, Soldaten und Kolonialbeamten, die vor dem Krieg, während des Krieges, aber auch nach dem Krieg ins Land kamen, bilden zusammen mit später eingewanderten Deutschen eine kleine, aber wirtschaftlich einflussreiche deutschsprachige Minderheit in Namibia (1,1 Prozent, das heißt circa 20.000). Die Nachkommen von Herero und Nama bzw. Damara stellen zwei von fünf größeren afrikanischen Sprachgruppen in Namibia dar und bilden innerhalb der Gesamtbevölkerung von circa 1,83 Millionen Einwohnern ebenfalls eine Minderheit (Nama/Damara: 13 Prozent, das heißt circa 238.000; Herero 8 Prozent, das heißt circa 146.000). Obwohl im postkolonialen Namibia die Bedeutung ethnischer Zugehörigkeit aufgrund der Geschichte der Apartheid und im Zuge des nation-building von offizieller Seite eher heruntergespielt wird, ist sie im namibischen Alltag nach wie vor von Bedeutung. Es gibt wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Netzwerke, die in erster Linie auf ethnischer Zugehörigkeit beruhen. Weiße und schwarze Namibier, aber auch die Angehörigen der einzelnen europäischen und afrikanischen Sprachgruppen bleiben im privaten Alltag nicht selten unter sich.

Der Krieg von 1904-1908 stellt einen wichtigen Aspekt namibischer Geschichte dar, der Deutsche, Herero, Nama und Damara in Namibia miteinander verbindet, aber auch voneinander trennt. Auch in alltäglichen Diskursen über historische und ethnische Identität wird er immer wieder thematisiert. Während der deutschen und südafrikanischen Kolonialzeit haben deutsch-, herero- und nama- bzw. damarasprachige Namibier sehr unterschiedliche Erinnerungskulturen in Bezug auf den Krieg von 1904-1908 entwickelt. In den diversen Erinnerungspraktiken wurden und werden sowohl die damaligen wie auch die gegenwärtigen Machtverhältnisse zwischen den drei bzw. vier Gruppen thematisiert, aber auch ihr Verhältnis zur jeweiligen staatlichen Macht wie auch zu Deutschland. Als im Jahr 2004 durch verschiedene Gedenkveranstaltungen an den hundert Jahre zurückliegenden Kriegsausbruch erinnert wurde, wurden die Unterschiede zwischen den erinnerungskulturellen Praktiken von Deutschen, Herero, Nama und Damara besonders sichtbar. Doch zeigte sich auch, dass Verweise, Verbindungen und Verflechtungen zwischen ihnen bestehen, die sich über die letzten hundert Jahre hinweg entwickelt und verändert haben.

Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit zwei der drei bzw. vier betroffenen Gruppen: mit deutschsprachigen und hererosprachigen Namibiern. Sie vergleicht deren Erinnerungskulturen, das heißt diejenigen kulturellen Praktiken beider Bevölkerungsgruppen, die die Erinnerung an den Krieg zum Gegenstand haben. Neben einem synchronen Vergleich spielt die diachrone Perspektive eine besondere Rolle. Grundlage der vorliegenden Arbeit ist die dichte Beschreibung der Erinnerungsinhalte und -praktiken deutsch- und hererosprachiger Namibier.

Das Ende eines Kolonialreiches

Das Ende eines Kolonialreiches

Ostafrika im Ersten Weltkrieg

Michael Pesek

Erscheinungstermin:
04.10.2010

kartoniert

419 Seiten, 27 Abbildungen

Reihe: Eigene und fremde Welten, Bd.17

EAN 9783593391847

€ 39,90
Der Erste Weltkrieg war auch ein Krieg um Kolonien. Ostafrika gehörte zu den am längsten umkämpften Schlachtfeldern.

Die Mehrzahl der Kriegsbeteiligten waren, neben den Europäern, Afrikaner und Inder. Ohne die Hunderttausende afrikanischer Arbeiter und Träger hätte der Krieg von keiner Seite geführt werden können.

Michael Pesek schildert das Los der afrikanischen Soldaten und das Leben der Zivilbevölkerung, wo Zwangsarbeit und Kriegsverbrechen alsbald Teil des Systems waren.



Autor:
Michael Pesek, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB 640 an der Humboldt- Universität zu Berlin.

Leseprobe


Der Krieg in Ostafrika 1914–1918

Die ersten Kriegswochen waren in Deutsch-Ostafrika von einer gewissen Konfusion geprägt. In der Kolonie verfügte man nur über spärliche Nachrichten aus Europa. Am 1. August 1914 hatte das Gouvernement ein Telegramm aus Berlin bekommen, das den Ausbruch des Krieges in Europa vermeldete. Einen Tag später wurde dem Gouvernement in einem weiteren Telegramm zugesichert, dass das Kaiserreich nicht die Absicht habe, seine Kolonien in den Krieg hineinzuziehen. Mit Kriegsbeginn wurden Nachrichten aus der Heimat zunehmend zur Mangelware, denn die Briten taten alles, um die Deutschen von der Heimat abzuschneiden. Am 8. August bombardierte die Royal Navy Dar es Salaam, die Hauptstadt der Kolonie, und zerstörte den dortigen Funkturm. Gleichzeitig verhängte die Navy eine Blockade über die Häfen der deutschen Kolonie. Auch aus den entfernteren Winkeln der Kolonie, von den Grenzen, kamen zunächst nur spärliche Nachrichten: Einige Wochen war den Deutschen nicht klar, dass auch Belgien und damit der benachbarte Kongo zu den Kriegsgegnern gehören würden. Erst ein aus belgischer Gefangenschaft geflohener deutscher Kaufmann brachte den Behörden in der Kolonie die Meldung, dass auch das als neutral vermutete Belgien zu den Kriegsgegnern zu rechnen sei. Vom Einmarsch deutscher Truppen in Belgien hatte das Gouvernement bis dahin keine Kenntnis gehabt. Selbst als Nachrichten vom Krieg die Hauptstadt der Kolonie erreicht hatten, dauerte es mitunter mehrere Tage oder Wochen, bis diese Kunde auch in die entferntesten Winkel der Kolonie vorgedrungen war. Dass der Krieg dann auch in den Kolonien selbst ausgebrochen war, erfuhr ein deutscher Schiffskapitän auf dem Viktoria-See daher erst nach zwei Wochen und dies erst, nachdem ein englischer Dampfer sein Boot beschossen und die gesamte Besatzung gefangen genommen hatte. Ähnlich erging es einem englischen Zollangestellten an der Grenze zwischen Deutsch-Ostafrika und Britisch-Ostafrika. Wie wohl jeden Tag hatte er von seinem deutschen Gegenüber eine Zigarette erbetteln wollen. Anstelle einer Zigarette ereilte ihn der Tod durch die Kugel des Askari. Dem herbeigeeilten britischen Offizier des Grenzpostens bedeutete der deutsche Vorgesetzte des Askari, dass nunmehr beide Nationen im Krieg seien: auch in Ostafrika.
Unter den Deutschen in der Kolonie, obwohl in der Mehrzahl eher national und konservativ gestimmt, begeisterte die Aussicht auf einen Krieg in Ostafrika nur Wenige. Europa war weit und viele legten ihre Hoffnungen in die Kongoakte; hatte sie doch im Fall von kriegerischen Ereignissen in Europa eine Neutralität der Kolonien vorgesehen. So dachte auch Gouverneur Heinrich Schnee, oberster Zivilbeamter der Kolonie und gleichzeitig nomineller Oberbefehlshaber über die Schutztruppen. Ihm zufolge habe die deutsche Regierung bis Ende August 1914 versucht, eine Neutralitätsvereinbarung für Afrika zu treffen, um militärische Auseinandersetzungen mit den benachbarten Briten und Belgiern zu vermeiden. Doch die Bemühungen der Diplomaten waren eher halbherzig und auch Schnee hatte kaum die Macht, die folgenden Ereignisse aufzuhalten. Dennoch waren seine Argumente gegen den Krieg in der Kolonie nicht von der Hand zu weisen. Die Deutschen, so der Gouverneur, seien von den Alliierten umzingelt: im Norden von den Briten, im Westen von den Belgiern und im Süden wiederum von den Briten und dann gab es auch noch die Portugiesen. Sie verhielten sich zwar anfangs neutral, jedoch spätestens im Jahre 1915 kam es immer wieder zu Grenzscharmützeln zwischen portugiesischen und deutschen Einheiten. Abgeschnitten vom Heimatland werde es den Deutschen unmöglich sein, gegen einen übermächtigen Feind lange zu bestehen, argumentierte Schnee. Die Deutschen müssten mit ihren afrikanischen Soldaten, den Askari, gegen europäische Truppen kämpfen. Dafür seien sie weder ausreichend ausgebildet noch ausgerüstet. Der Krieg der Europäer auf afrikanischem Boden berge unkalkulierbare Risiken für die Kolonialherrschaft nicht nur des Kaiserreiches, sondern aller europäischer Kolonialmächte. Wenn, wie zu erwarten, die koloniale Ordnung in den Wirren des Krieges zusammenbreche, bestehe die Gefahr, dass sich die Bevölkerung gegen die Europäer erheben werde. Schnee stand mit dieser Einschätzung nicht allein. Neben dem Gouverneur und der Zivilverwaltung waren es vor allem Missionare und Siedler, die dem Krieg auf ostafrikanischem Boden wenig abgewinnen konnten. Selbst unter den Militärs gab es erhebliche Meinungsverschiedenheiten.
All diese Argumente konnte auch Lettow-Vorbeck, der wenige Monate zuvor zum kommandierenden Offizier der Kolonialtruppen ernannt worden und in der Kolonie angekommen war, nicht von der Hand weisen. Auch ihm war durchaus bewusst, dass, egal was immer er hier erreichte, der Krieg in Europa entschieden werden würde. Dennoch war er fest davon überzeugt, dass er in Ostafrika einen Beitrag für den deutschen Sieg in Europa leisten könne. Sein Plan war simpel: Er wollte so viele britische Truppen so lange als möglich in Ostafrika binden. Diese Haltung lag wenig im Sinne der Kolonialbehörden und des Außenministeriums, wohl aber im Sinne des deutschen Generalstabs. Bereits um die Jahrhundertwende hatten die Militärs in Deutschland, wie im Übrigen auch die des Empires, Pläne für den Kriegsfall in den Kolonien parat. So mag es wenig Zweifel darüber geben, dass Lettow-Vorbeck nicht umsonst kurz vor dem Krieg nach Ostafrika, der größten deutschen Kolonie, geschickt worden war. Er galt als des Kaiserreiches erfahrenster Kolonialoffizier.
Wie Schnee war auch der Gouverneur der britischen Kolonie, Sir Henry Conway Belfield, kein Befürworter des Krieges. Und auch hier äußerten Missionare und Siedler große Vorbehalte. Aber die Verantwortlichen in London hatten eine andere Sicht der Dinge. Führende Militärs und Politiker, darunter zunächst auch der britische Kriegsminister Lord Herbert Kitchener, fürchteten, dass deutsche Häfen an der ostafrikanischen Küste als Basen von Kriegsschiffen genutzt werden könnten, die im Indischen Ozean Jagd auf britische Versorgungsschiffe aus Indien machten. Von dort kamen wichtige Kriegsmaterialien und auch Soldaten, die von den Briten in großer Zahl auf den europäischen Kriegsschauplätzen eingesetzt wurden. Für das Colonial Office und das Indian Office, die zu Kriegsbeginn in erster Linie für die militärischen Operationen in Ostafrika verantwortlich zeichneten, schienen die Deutschen und ihre afrikanischen Soldaten keine ernstzunehmenden Gegner zu sein. Im Sommer 1914 gingen die britischen Militärs von einem schnellen Ende der Kämpfe auf diesem Kriegsschauplatz aus. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten britische Militärplaner Pläne für eine Invasion der deutschen Kolonie entworfen. Als der Krieg begann, öffneten die Verantwortlichen die Schubladen und holten diese mittlerweile etwas verstaubten Pläne wieder hervor. Die Royal Navy sollte zunächst die Seewege blockieren und die wichtigsten Hafenstädte im Handstreich nehmen. Von Uganda und dem Kilimanjaro her würden britische Truppen in das Kerngebiet der Kolonie vorrücken und leichtes Spiel mit den verstreuten Kräften der Deutschen haben. Aufstände der afrikanischen Bevölkerung in der Kolonie würden ihr Übriges tun, die schwachen deutschen Truppen in die Knie zu zwingen.

Handbuch Welternährung

Handbuch Welternährung

Lioba Weingärtner, Claudia Trentmann, Deutsche Welthungerhilfe e.V.

Erscheinungstermin: 21.01.2011

englische Broschur

241 Seiten, ca. 50 Grafiken und Abb. (4c)

EAN 9783593393544

€ 16,90


Von Kanada über Deutschland bis zum Schwarzen Meer brachen im Sommer 2010 die Ernten ein.

In Russland brannte der Wald, die Weizenpreise explodierten. In deutschen Supermärkten merkt man davon noch nichts, doch die Krise ist schlimmer denn je.

Dies zeigt das »Handbuch Welternährung«, das Standardwerk für alle Praktiker der Entwicklungsarbeit, für NGOs und Journalisten – mit allen aktuellen Daten und Fakten.

Die Autorinnen entwerfen eine Agenda für Entwicklungsakteure, die internationale Staatengemeinschaft, aber auch für Konsumenten.

Das Handbuch versammelt Erfolgsbeispiele und lässt Stimmen aus den Entwicklungsländern zu Wort kommen, die eindrucksvoll zeigen: Der Kampf gegen den Hunger ist am Ende zehnmal billiger als die Kosten, die er verursacht.

Das Handbuch Welternährung wird herausgegeben von der Welthungerhilfe in Kooperation mit der Stiftung fiat panis.
Autoren:

Lioba Weingärtner
Dr. Lioba Weingärtner ist Ökotrophologin und als Beraterin, Gutachterin und Trainerin für verschiedene nationale und internationale Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe tätig.

Claudia Trentmann
Dr. Claudia Trentmann ist Ökotrophologin und Sozialwissenschaftlerin. Sie arbeitet seit 1990 als Beraterin und Gutachterin für verschiedene Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit und begleitet vor allem Projekte im ländlichen Raum in Lateinamerika und Afrika. Das »Handbuch« Welternährung« wird herausgegeben von der Welthungerhilfe in Kooperation mit der Stiftung fiat panis.

Die Welthungerhilfe ist eine private, gemeinnützige, politisch und konfessionell unabhängige Hilfsorganisation und arbeitet unter einem ehrenamtlichen Präsidium und der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten.

Pressestimmen:

17.03.2011, Die Zeit
Was ist gegen Hunger in der Welt zu tun?
"Das Handbuch bietet mit Kästen, Schaubildern und Grafiken einen soliden Überblick über die Ursachen des Hungers und viele Wege zu seiner Bekämpfung."

22.01.2011, Frankfurter Rundschau
Hunger als Sicherheitsproblem
"Das Kompendium gibt einen Überblick über die Ursachen des Hungers in der Welt, vermittelt Fakten zu Ernährung und zur landwirtschaftlichen Entwicklung. Es nennt aber auch die notwendigen politischen Maßnahmen, um die Weltbevölkerung künftig ausreichend ernähren und die Zahl Hungernden Menschen senken zu können."

Das menschliche Minimum

Das menschliche Minimum

Globale Gerechtigkeit aus afrikanischer Sicht: Henry Odera Oruka

Anke Graneß

Erscheinungstermin:
07.03.2011

kartoniert

381 Seiten

EAN 9783593393957

€ 39,90


Globale Gerechtigkeit ist in der heutigen Philosophie ein zentrales Thema.

Allerdings werden in der bisherigen Diskussion nicht westliche Ansätze kaum berücksichtigt.

Anke Graneß zeigt am Beispiel des kenianischen Philosophen Henry Odera Oruka, wie wichtig eine interkulturelle Öffnung des Diskurses ist.

Für Odera Oruka steht die Sicherung eines menschlichen Minimums an erster Stelle – vor jeglichen Freiheitsrechten, dem Recht auf Eigentum oder der nationalen Souveränität.

Er vertritt damit eine Theorie, die gerade in den »philosophischen Randgebieten«, also in Afrika, Lateinamerika und den arabischen Ländern, angesichts der dortigen Armut von großer Bedeutung ist.

Die Autorin öffnet in diesem Buch den Gerechtigkeitsdiskurs für eine Perspektive, die der Sicherung körperlicher Bedürfnisse Priorität einräumt und damit zentrale Fragen der Debatte neu stellt.

Autorin:

Anke Graneß ist Chefredakteurin der Zeitschrift Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren und lehrt an der Universität Wien.

Leseprobe


Armut ist ein existentielles Phänomen, das uns auf den Straßen Wiens und Berlins ebenso begegnet wie in Lagos, Kairo, Mexiko-City, Rio de Janeiro oder New York. Es ist, so scheint es, ein weltumspannendes Phänomen, ja man möchte fast sagen ein allgemein menschliches, das in seiner schärfsten Form in den Entwicklungsländern zu finden ist. Aber auch in den reichen Industrienationen ist es präsent. Nicht umsonst hat die Europäische Union das Jahr 2010 zum Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung ernannt. Die Europäische Union ist eine der reichsten Gegenden der Welt. Nichtsdestotrotz haben 17 Prozent der Europäer nicht genügend Mittel, um sich ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu erfüllen. Insofern sprechen internationale Organisationen zu Recht von einem Weltarmuts- und Welthungerproblem. Laut FAO litten im Jahr 2009 über eine Milliarde Menschen an Unterernährung und Hunger.

Dabei ist Armut kein rein wirtschaftliches Problem, mit dem sich ausschließlich Ökonomen und Soziologen beschäftigen müssen. Armut geht für die betroffenen Individuen an die Existenz: im extremsten Fall führt sie an die Grenze zwischen Sein und Nichtsein - immer jedoch deutet sie auf die Frage nach der Bestimmung dessen, was den Menschen als Menschen ausmacht. Umso erstaunlicher ist es, dass dieses existentielle Phänomen in der Philosophie bisher kaum behandelt wird oder zumindest ein Randdasein fristet.

Armut ist dabei nicht nur ein individuelles, existenzielles Problem für den Betroffenen. Es handelt sich vielmehr um ein gesellschaftliches Problem, denn Armut stellt die Möglichkeit des Zusammenhalts menschlicher Gemeinschaften auf die Probe. Armut führt zur Frage nach den Voraussetzungen menschlicher Gemeinschaft und nach den Bedingungen der Möglichkeit moralischen Handelns. Darf der Verhungernde stehlen (oder gegen andere moralische Regeln der Gemeinschaft verstoßen), um sein Leben zu retten? Ist der Verhungernde überhaupt noch Mitglied einer ethischen Gemeinschaft und für sein Handeln verantwortlich? Ist der Verhungernde, der mit dem schieren Überleben kämpft, überhaupt noch ein moralisch Handelnder?
Armut zielt mit diesen Fragen offensichtlich in das Herz philosophisch-ethischer Problemstellungen: Was ist die Voraussetzung ethischen Handelns? Was soll ich tun? Was ist der Mensch?

Erfreulicherweise sind auf dem Gebiet der Armutsforschung auch in philosophischer Hinsicht in den letzten Jahren wichtige Beiträge geleistet worden, zum Beispiel von Amartya Sen und Martha Nussbaum, Thomas Pogge oder Enrique Dussel.

Allerdings hat ein afrikanischer Philosoph die Bedeutung philosophi-scher Reflexion auf das Armutsproblem bereits 1981 zu einem Hauptthema seiner Arbeiten gemacht: Henry Odera Oruka. Als Philosoph aus Kenia, und damit in einer in jeder Hinsicht marginalisierten Position (als Philosoph - Philosophie gilt vielen ja als "Orchideenfach" - und als Afrikaner), sind seine Arbeiten zu dieser Thematik bis heute weitgehend unreflektiert geblieben - und zwar ganz zu unrecht, wie dieses Buch zeigen wird.

Odera Oruka (1944-1995), der im deutschsprachigen Raum noch so gut wie unbekannt ist, ist bis heute einer der einflussreichsten und am meisten rezipierten Philosophen Afrikas. Seine philosophischen Arbeiten stechen durch zwei Merkmale besonders hervor: Sie sind zum einen geprägt durch eine erfrischende Radikalität und zum anderen durch eine besondere Nähe zur Lebensrealität der Menschen. Fragen, die ihn zu philosophischer Auseinandersetzung angespornt haben, waren stets diejenigen, die aufs engste mit praktischen Fragen seiner Landsleute und deren Lebensbedingungen verknüpft waren: Fragen nach Freiheit und Unabhängigkeit in einer postkolonialen Welt, nach Werten und Leitlinien in eben dieser Welt, Fragen nach Demokratie und Menschenrechten in den afrikanischen Ländern, Fragen nach der moralischen Legitimität von Entwicklungshilfe, Fragen nach dem Schutz der Umwelt und die Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Immer wieder mündete seine Beschäftigung mit diesen Problemen auch in die Frage nach der Relevanz der Philosophie für unsere heutige Welt. Für ihn kann Philosophie ihre Relevanz und Legitimität nur aus der Auseinandersetzung mit den brennenden Fragen der Gegenwart beziehen, zu deren Beantwortung sie ihren Beitrag leisten muss.

Bekannt wurde Odera Oruka vor allem durch sein Projekt der Weisheitsphilosophie (sage philosophy). Weisheitsphilosophie versteht sich als ein Gegenentwurf zur sogenannten Ethnophilosophie, einem Trend in der modernen Philosophie Afrikas, der afrikanische Philosophie vorrangig als im ›kommunalen Denken‹ verankert auffasst und deshalb auch Begriffe wie ›Bantu-Philosophie‹ geprägt hat. Die Ethnophilosophie entstand im Bemühen afrikanischer Intellektueller nach den Jahrhunderten der Kolonisation und der damit verbundenen Abwertung eigener Traditionen, eine originäre afrikanische Philosophie zu rekonstruieren. Odera Oruka hält diesen Ansatz für falsch - wenn auch die Zielrichtung (die Rekonstruktion indigenen Erbes) für richtig.

Als Ursachen für viele Probleme der Gegenwart in Afrika werden das Abbrechen von kulturellen Traditionen, von Wertvorstellungen, Weltanschauungen und von Bildungstraditionen durch den Kolonialismus angesehen, sowie die Versuche, ausländische Institutionen (zum Beispiel im politischen oder ökonomischen Bereich, oder auch Bildungssysteme, Verwaltungs- und Regierungssysteme) in den Ländern Afrikas zu implementieren. Eine Rekonstruktion indigenen Wissens wird als Möglichkeit betrachtet, heutigen Generationen in Afrika Orientierungshilfen in einer komplexer werdenden Welt zu geben.

Aber im Gegensatz zu den Vertretern der Ethnophilosophie versteht Odera Oruka Philosophie als eine kritisch-reflexive Denkbewegung, die gekennzeichnet ist durch logische Konsistenz. Zudem betont er, dass Philosophie immer eine Denkleistung von Individuen ist. Er lehnt es explizit ab, Denktraditionen eines ganzen Volkes als Philosophie zu bezeichnen. Aus diesem Grund hat Odera Oruka Interviews mit Männer und Frauen aus Kenias Dorfgemeinschaften, die innerhalb ihrer Gemeinschaften als weise (sages) gelten, geführt und aufgezeichnet und dann auf ihre philosophische Relevanz hin untersucht. Im Gegensatz zu den Vertretern der Ethnophilosophie veröffentlichte Odera Oruka diese Interviews unter namentlicher Nennung der jeweiligen Interviewpartner und -partnerinnen und machte es somit möglich, Auffassungen und Ideen individuellen Denkern zuzuordnen und nicht als Auffassungen einer ganzen Dorfgemeinschaft oder gar eines ganzen Volkes auszugeben. Damit wird eine klare Abgrenzung individuellen Denkens zu Mythen, zu Sprichwörtern oder Volksweisheiten möglich. Dieser Ansatz wurde breit diskutiert und hat heute unter anderem Eingang in das Historische Wörterbuch der Philosophie unter dem Stichwort Weisheit gefunden.

Das zweite, untrennbar mit dem ersten verbundene Ziel seiner Arbeiten war, wie er es nennt, "die Rekonstruktion der weisheitlichen Dimension der Philosophie", die Odera Oruka in der Philosophie der Gegenwart als verloren gegangen betrachtet. Aber was ist nun diese "weisheitliche Dimension"? Odera Oruka versteht darunter das ethische Engagement des Philosophen, die Anwendung seines Wissens zum Wohlergehen der Gemeinschaft. Gerade die akademische Philosophie, in der die Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie häufig im Mittelpunkt des Interesses steht, lässt ein anwendungsorientiertes Herangehen meist schmerzlich vermissen. Für Odera Oruka ist Philosophie jedoch keine Wissenschaft im Elfenbeinturm, die das Privileg hat, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen, sondern hat konkrete gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen. Mit Hilfe der Philosophie gelte es sozioökonomische Benachteiligung, rassistische Mythologien und täuschenden Schein zu bekämpfen. So ist es kein Wunder, dass das zweite große Betätigungsfeld Odera Orukas die Beschäftigung mit ethischen Fragen war. Seine Überlegungen zu einer globalen Gerechtigkeit stehen im Zentrum dieses Buches und dienen als Ausgangspunkt für eine kritische Diskussion der gegenwärtigen Debatte um globale Gerechtigkeit.

Koloniale Begegnungen

Koloniale Begegnungen

Deutschland und Großbritannien als Imperialmächte in Afrika 1880-1914

Autorin: Ulrike Lindner

Erscheinungstermin: 14.11.2011

kartoniert

533 Seiten, 13 Abbildungen

Reihe: Globalgeschichte, Bd.10

EAN 9783593394855

€ 56,00


Kolonialherrschaft betraf nie nur Afrikaner und Kolonialherren, sie entwickelte sich vielmehr in einer Welt der Konkurrenz, des Austauschs und der Kooperation zwischen den europäischen Imperialmächten.

Ulrike Lindner untersucht daher die Interaktionen zwischen Deutschland und Großbritannien in deren benachbarten afrikanischen Kolonien.



Sie schildert die Begegnungen der Kolonialherren im Alltag und den jeweiligen Umgang mit der afrikanischen Bevölkerung.

Ihre Verflechtungsgeschichte zeigt den deutschen Kolonialismus erstmals in globaler Sicht als Teil eines gemeinsamen, imperialen europäischen Projekts.

Zur Autorin:

Ulrike Lindner, PD Dr. phil., forscht zurzeit in einem globalhistorischen Projekt an der Universität Bielefeld.

Leseprobe


Kolonialismus in Afrika war während der Phase des Hochimperialismus in vielen Aspekten ein gemeinsames Projekt der europäischen Kolonialnationen. Mit wachsender Aufmerksamkeit verfolgten die Kolonisierenden die Politik ihrer europäischen Konkurrenten. Der Vergleich untereinander entwickelte sich zu einer imperialen Strategie, die für die Ausformung der eigenen Kolonialherrschaft eine entscheidende Rolle spielte. Der Globalisierungsschub in den Dekaden vor dem Ersten Weltkrieg, der eine technische Vernetzung und rascheren Austausch zwischen den Kolonialmächten ermöglichte, begünstigte diese Entwicklung.

Im Prozess der Kolonisierung Afrikas standen sich die beiden hier untersuchten Kolonialmächte Großbritannien und Deutschland als erfahrene Kolonialmacht und als "Nachzügler" gegenüber. Für Deutschland, das sich erst ab 1884 in Kolonien engagierte, galt Großbritannien stets als Bezugspunkt kolonialer Überlegungen. Insofern bietet es sich geradezu an, den deutschen Kolonialismus in Bezug auf den britischen Kolonialismus zu untersuchen - das Vorbild, an dem sich die Deutschen abarbeiteten, nachahmend und abgrenzend. Beim Britischen Empire liegt Deutschland als Vergleichspunkt weniger nahe, da das Vereinte Königreich überall auf der Welt den verschiedensten Kolonialmächten begegnete. Wendet man sich allerdings Afrika in der Zeit des Hochimperialismus zu, so gewinnt der Austausch mit Deutschland an Bedeutung. Gerade nach 1900 engagierten sich die Deutschen stark in ihren afrikanischen Kolonien, die in ihrem Kolonialreich den wichtigsten Platz einnahmen. Deutsche Kolonien wurden so für das britische Empire über strategische Überlegungen hinaus als Wissenslieferanten wichtig, auch wenn man sich stets vom unerfahrenen "Kolonialneuling" abzugrenzen suchte. Der britische Publizist Louis Hamilton schrieb 1912 in der Zeitschrift United Empire über deutschen und britischen Kolonialismus: "The Germans are willing to learn where they can from us: let us be equally open-minded and learn where we can from them." Die Interaktionen über die Grenzen der Kolonien hinweg sowie zwischen den Mutterländern intensivierten sich in den nächsten Jahren. So stand Wilhelm Solf, Staatssekretär des deutschen Reichskolonialamtes ab 1911, noch im Juni 1914 mit Frederick Lugard, dem einflussreichen britischen Kolonialpolitiker und Gouverneur von Nigeria, in enger Korrespondenz über Fragen kolonialer Administration in Westafrika.

Wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs würde man einen solchen Austausch zwischen Politikern zweier Nationen, die sich in den Jahren zuvor zu den größten Rivalen in Europa entwickelt hatten, nicht erwarten. Das Kaiserreich war zur wichtigsten kontinentalen Macht in Europa aufgestiegen und provozierte Großbritannien durch seine intensive Flottenaufrüstung, das Britische Empire wiederum sah sich in der edwardianischen Ära mit zahlreichen Problemen konfrontiert, die die britische Vormachtstellung in der Welt in Frage stellten. Der nur mühsam errungene Sieg gegen die Buren im Südafrikanischen Krieg 1899-1902 galt in den Augen vieler britischer Zeitgenossen als Zeichen eines beginnenden Niedergangs. Trotz dieser Differenzen erschien eine koloniale Verständigung in Afrika selbstverständlich.

Innerhalb dieses Spannungsverhältnisses von Konkurrenz und Kooperation, Globalisierung sowie nationalen Rivalitäten und Abgrenzungen wird die britische und deutsche Kolonialherrschaft in Afrika in den Dekaden vor dem Ersten Weltkrieg in den Blick genommen. Kolonialherrschaft in Afrika definiert sich in erster Linie als Gewaltherrschaft kolonisierender Europäer über kolonisierte Ethnien und als Geschichte kolonialer Ausbeutung. Sie stellt sich aber genauso als die gemeinsame, verflochtene Geschichte eines Austauschs und einer Begegnung dar - in erster Linie zwischen Afrikanern und Europäern, aber auch zwischen den beiden europäischen Kolonialherren.

Die Studie widmet sich den Begegnungen der kolonisierenden Nationen, die stets im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen und Abgrenzungen von den kolonisierten Gesellschaften analysiert werden, sowie der gegenseitigen Rezeption kolonialer Praktiken in Metropole und Kolonie. Die Praktiken der verschiedenen kolonialen Administrationen, Kooperationen und Abgrenzungen zwischen den Kolonisierenden, die gemeinsamen europäischen Ziele, aber auch die unterschiedlichen politischen und rassistischen Regimes in den Kolonien lassen sich auf diese Weise genau in den Blick nehmen.

Mit diesem thematischen Ansatz verfolgt die Arbeit das Ziel, den deutschen Kolonialismus, der oftmals lediglich vor dem Hintergrund der deutschen Entwicklung des 20. Jahrhunderts gesehen wird, stärker in den Rahmen eines europäischen Imperialismus einzufügen und gleichzeitig zu verdeutlichen, dass sich auch das Britische Empire ab 1900 für andere europäische Imperien zu interessieren begann. Es wird zweitens untersucht, wie in der kolonialen Situation nicht nur die Auseinandersetzung mit den Kolonisierten ein wichtiges Mittel für die Selbstdefinition der Kolonisierenden war, sondern sich auch die Positionierung gegenüber dem imperialen Nachbarn zu einem signifikanten Bestandteil der Identitätsfindung entwickelte. Drittens soll demonstriert werden, dass diese Abgrenzungsbemühungen gegenüber dem anderen Kolonialherrn in der letzten Dekade vor dem Ersten Weltkrieg in den Hintergrund traten und ein gemeinsames imperiales Projekt die Kolonisierung Afrikas dominierte, das von einem intensivierten Wissensaustausch begleitet wurde. Die globale Vernetzung funktionierte stets parallel zu nationalistischen Abgrenzungen. Wenn man die Interaktionen zwischen den Kolonialmächten betrachtet, kann man viertens ein sonst wenig beachtetes Phänomen erkennen: Die Versuche der afrikanischen Bevölkerung, die Spielräume "zwischen den Kolonialherren" zu nutzen.

Die Studie versucht somit, eine Verflechtungsgeschichte der kolonialen Situation zu schreiben und geht gleichzeitig dem wenig erforschten Thema der vergleichenden Kolonialgeschichte nach. Sie weist darüber hinaus generell darauf hin, dass die Zeit vor 1914 von komplexen Beziehungen in einer von Imperien dominierten globalen Welt gekennzeichnet war, die sich keineswegs auf europäische Rivalitäten reduzieren lässt.

Land ohne Staat

Land ohne Staat

Wirtschaft und Gesellschaft im Krieg am Beispiel Somalias

Jutta Bakonyi

Erscheinungstermin: 12.09.2011

kartoniert

396 Seiten

Reihe: Mikropolitik der Gewalt, Bd.5

EAN 9783593395289

€ 39,90
1991, kurz nach Beginn des bis heute andauernden Krieges, brach in Somalia der Staat vollständig zusammen.

Jutta Bakonyi zeigt, wie seitdem die Gesellschaft jenseits zentralstaatlicher Regulierung funktioniert, und welche Macht und Herrschaftsstrukturen sich herausgebildet haben.

Die Untersuchung des Handels mit der Droge Khat, des Währungs- und Finanzmarkts sowie der internationalen Entwicklungshilfe verdeutlicht, welche Wirtschaftsstrukturen jenseits des Staates entstanden sind.
Autorin:

Jutta Bakonyi, Dr. phil., ist gegenwärtig für den Zivilen Friedensdienst in Kenia tätig.

Pressestimme:

06.12.2011, Süddeutsche Zeitung
Die Menschen verhungern, aber die Wirtschaft floriert
"Man weiß seit Jahren, dass der gescheiterte Staat Somalia über ein erstaunliches Wirtschaftswachstum verfügt ... Mit ihrer Studie hat die Wissenschaftlerin Jutta Bakonyi nun erstmals eine umfassende Analyse vorgelegt, wie es dazu kommen konnte."

Leseprobe
Einleitung

Der Staat ist nicht selbstverständlich. Die Sozialwissenschaften beschäfti-gen sich seit Mitte der neunziger Jahre wieder stärker mit dem Staat und dies vor allem deshalb, weil seine Zukunft in Frage gestellt wird. Auf der einen Seite werden die sich verdichtenden internationalen Regelwerke und die Verlagerung vormals staatlicher Aufgabenbereiche an inter- oder sogar supranationale Organisationen für den Bedeutungsverlust des Staates ver-antwortlich gemacht. Auf der anderen Seite werden in Lateinamerika, Asien und Afrika viele Staaten durch zunehmende Kriminalität und Ban-dengewalt oder durch bewaffnete Konflikte und Kriege, von denen man-che bereits Generationen überdauern, herausgefordert. Diesem Phänomen widmet sich die vorliegende Arbeit. Jenseits der Feststellung, dass viele Staaten außerhalb der OECD-Welt schwächeln und manche sogar erodie-ren, soll der Frage nachgegangen werden, was in solchen staatsfernen Re-gionen, in denen Gewalt zum gesellschaftlichen Alltag zählt und in denen Gewaltorganisationen die Macht des Staates abgelöst haben, eigentlich geschieht. Diese Frage behandelt Grundsätzliches, denn sie bezieht sich darauf, wie sich Gesellschaftlichkeit jenseits zentralstaatlicher Regulierung und unter der Bedingung des Krieges oder zumindest konstanter Gewalt-drohung herstellt.
Historiker mögen anführen, dass dies keineswegs außergewöhnlich sei, hat doch die Menschheit eine weitaus längere Zeitspanne ohne zentral-staatliche Regulierung existiert. Und tatsächlich mangelt es in der Debatte um die failed oder weak states und der mit ihr propagierten These von den "neuen Kriegen" auch nicht an entsprechenden Analogien. Die gegenwärti-gen "Staatszerfallskriege" scheinen eine Reihe von Merkmalen mit frühneu-zeitlichen oder mittelalterlichen Kriegen zu teilen. Damit wird bereits die Gefahr der Rückentwicklung der Menschheit in den vorzivilisierten Zu-stand des ewigen Bürgerkrieges suggeriert, dessen Schreckensvision seit Hobbes die Denktradition des Abendlandes bestimmt. Oder vielleicht, da viele der Staatszerfallsregionen sich in Afrika befinden, handelt es sich doch eher um ein Zurück in traditionelle Stammeskriege. Immerhin, so mag sich der westliche Beobachter zugleich trösten, hat hier der Staat als externes Implantat ohnehin nie seine volle Blüte und zivilisatorische Po-tenz entfaltet. Trotz allem bleibt ein Rest an Unbehagen. Es mag ja sein, dass sich in der wilden Ferne bereits Vorgänge andeuten, die auch in das Zentrum der modernen Welt vordringen könnten.
Die Debatte um die failed states führt jedoch in die Irre, denn sie bleibt dem Staat als zentraler Analysekategorie verhaftet. Dieser bildet weiterhin den Dreh- und Angelpunkt der Untersuchungen, nur dass jetzt sein unzu-reichendes Funktionieren, seine Fehler und seine Rückbildung problemati-siert werden. Damit verbindet sich auch die Vorstellung, solche Defizite könnten durch entsprechende Sozialtechnologie behoben werden. Neben wirtschaftlicher Entwicklung und Armutsbekämpfung zielt eine Vielzahl internationaler Programme auf die Stärkung des Staates und die Förderung guter Regierungsführung. Die Gewaltforschung aber, die Kriege allein negativ, als Resultat staatlichen Scheiterns und Ausdruck des damit einher-gehenden Regeldefizits bestimmt, verfügt über keine Begriffe für die Un-tersuchung des Krieges und der durch ihn ausgelösten Wandlungsprozesse. Sie kann den gesellschaftlichen Charakter des Krieges nicht erfassen, son-dern ihn nur auf kulturelle Zwänge oder das Macht- und Profitstreben Einzelner zurückführen.
Die relativ ausführliche Auseinandersetzung mit der Kriegs- und Ge-waltforschung im ersten Kapitel (Kap. 1.1) dient nicht allein dem Nach-weis der Kenntnis des Forschungsstandes. Vielmehr wird gezeigt, dass die Schwäche der Gewaltforschung ihrer theoretischen Unschärfe entspringt und zur Nutzung von Begriffen und Modellen führt, deren Prämissen und Implikationen nicht hinreichend reflektiert wurden. Diese Defizite werden in einem an die Ausführungen zum Forschungsstand anschließenden Ex-kurs auf den gesellschaftlichen Charakter der Wissenschaft selbst zurückge-führt. Ihre oft distanzlose Nähe zur gesellschaftlichen Wirklichkeit führt dazu, dass die Wissenschaft den von der Gesellschaft vorgefertigten Ge-genstand und die hier zirkulierenden Begriffe unhinterfragt übernimmt und damit perpetuiert.
Hier deutet sich bereits das zweite Problem der Forschung an. Trotz des staatlichen Scheiterns werden die Gesellschaften weiterhin so behan-delt, als wären sie staatlich verfasst, und ihre Entwicklungen werden primär aus ihrem eigenen Innenleben erklärt. Nun ist aber bereits die geschichtli-che Formierung der Dritten Welt, und dies wird in dem umstrittenen Beg-riff der Dritten Welt zumindest noch angedeutet, zugleich die Geschichte der Ausformung einer die Welt umgreifenden Gesellschaftlichkeit. Die Gesellschaften, von denen hier die Rede sein wird, mögen sich zwar, wie dies kürzlich von Mbembe (2006) formuliert wurde, am Rande der Welt befinden, aus der Weltgesellschaft entlassen sind sie deshalb jedoch nicht.
Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet daher die Theorie der Weltgesellschaft, die im ersten Kapitel (Kap. 1.2) als Hintergrund für eine einheitliche theoretische Betrachtung des Krieges vorgestellt wird. Für eine systematische Untersuchung der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse in Kriegen wird das im Rahmen der Kriegsursachenforschung (Siegelberg 1994; Jung et al. 2003) entwickelte Prozessmodell zur Erfassung kriegsur-sächlicher Dynamiken nutzbar gemacht. Dieses ermöglicht es, die Ver-dichtung kriegsursächlicher Faktoren zum Krieg nachzuzeichnen, und verbindet zugleich die strukturell in der Gesellschaft wirkenden Konfliktli-nien mit subjektiven Handlungsgründen der Kriegsakteure. Aufbauend auf die Hamburger Kriegsursachentheorie wird das theoretische Vokabular für die Untersuchung des Krieges selbst bzw. der Gesellschaft im Krieg erar-beitet (Kap. 1.3). Dabei wird selektiv auf die Theoriebestände der Politi-schen Soziologie und Ökonomischen Anthropologie zurückgegriffen. Diese ermöglichen es, die Befunde der vielen Einzelfallstudien zu Gewalt und Krieg in verallgemeinerbare Begriffe zu gießen und gleichzeitig den Krieg als umkämpftes Handlungsfeld konkurrierender Akteure zu konzep-tionieren, ohne einen individualistischen Standpunkt einzunehmen.

Die Suche nach dem Fremden

Dieter Haller

Die Suche nach dem Fremden

Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945-1990

Erscheinungstermin:
12.03.2012

Hardcover gebunden

395 Seiten

EAN 9783593396002

€ 39,90

Die erste umfassende Fachgeschichte der Ethnologie in Deutschland
Ethnologen erforschen Phänomene, die für Außenstehende oft als exotisch,
randständig und bisweilen sogar etwas bizarr erscheinen. Woher rührt die
Faszination für das Fremde? Und gibt es spezifische nationale Bestandteile in
einer Disziplin, die sich der Erforschung des kulturell Fremden verschrieben hat?
Diesen und vielen weiteren Fragen geht Dieter Haller im Hinblick auf die alte
Bundesrepublik nach. Er bietet den ersten umfassenden Überblick über die
Geschichte der Ethnologie in Deutschland von 1945 bis 1990 und arbeitet ihr
spezifisches Potenzial und ihre Besonderheiten heraus.
Nach einem Rückblick auf die Anfänge des Faches und seine Verwicklungen im
Nationalsozialismus wagt der Autor eine Zusammenschau der Pfade, die es nach
dem Zweiten Weltkrieg beschritten hat. Dabei rückt er die institutionellen und
geistesgeschichtlichen Entwicklungen in den Kontext der politischen, sozialen und
ökonomischen Bedingungen der Bundesrepublik von 1949 bis zur Wende. Der
Aufbaugeist der Nachkriegszeit, die Rebellion gegen Autoritäten der 68er, neue
soziale Bewegungen in den späten 70er-, gesellschaftliche Pluralisierung und
Ökonomisierung in den 80er-Jahren – all das bildete sich in den Fragestellungen
und Gegenständen ab, denen sich die Ethnologen jeweils zuwandten.
Die Ethnologie ist aber immer auch die Manifestation eines spezifischen
Unbehagens am Eigenen. Das Interesse am Exotischen und Fremden war auch
Ausdruck des Unbehagens an der bundesrepublikanischen Enge und am bloßen
Vernunftdenken. Die Hinwendung zu anderen Lebenswelten und Kulturen
überschreitet den Horizont des Eigenen und trägt zum Verstehen des Anderen
bei. In dieser Perspektive erweist sich Hallers Geschichte der Ethnologie in
Deutschland als spannender Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklungen des
Landes.



Autor

Dieter Haller
Dieter Haller ist Professor für Sozialanthropologie an der Universität Bochum. Er hat das dortige Zentrum für Mittelmeerstudien mitbegründet. Im Rahmen seiner Geschichte der Ethnologie hat er über 60 Interviews mit Ethnologinnen und Ethnologen geführt und unter www.germananthropology.de eine Internetseite für die deutschsprachige Ethnologie aufgebaut. Er ist Autor des "dtv-Atlas Ethnologie" (2005).

People at the Well

People at the Well
Kinds, Usages and Meanings of Water in a Global Perspective

Hans Peter Hahn (Hg.), Karlheinz Cless (Hg.), Jens Soentgen (Hg.)

Erscheinungstermin:
19.04.2012

kartoniert

316 Seiten, ca. 80, größtenteils farbige Abbildungen

EAN 9783593396101
Water is never just H2O. It is always more. It has its own ways of world-making and is much more than just a substance or a commodity. Water is also a focal point of religious meanings and inspires cultural practices. The book shows the different forms, the wide range and the impressive diversity of people´s dealings with water in different cultures. It presents case studies from various parts of the world, staging problems about changing accessibility of water and the expectations of men and women at different places. While focusing on the micro level the transdisciplinary approach highlights the fundamental differences of water related meanings and practices. Autoren

Hans Peter Hahn
Hans Peter Hahn ist Professor am Institut für Ethnologie der Universität Frankfurt am Main.

Karlheinz Cless
Karlheinz Cless, Dr. rer. oec., ist Doktorand am Institut für Ethnologie der Universität Frankfurt am Main.

Jens Soentgen
Jens Soentgen, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Leiter am Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg.

Koloniale Verhandlungen

Koloniale Verhandlungen

Gerichtsbarkeit, Verwaltung und Herrschaft in Kamerun 1884-1916

Ulrike Schaper

Erschienen: 14.05.2012

kartoniert

446 Seiten, 2 sw Abb.

EAN 9783593396392

€ 39,90


Zu den Aufgaben der deutschen Kolonialbeamten gehörte die Gerichtsbarkeit über die kolonisierte Bevölkerung. Ulrike Schaper betrachtet die Rechtsverhältnisse der deutschen Kolonie Kamerun erstmals in ihren kulturellen, politischen und sozialen Zusammenhängen. Sie zeigt die Bedingungen und Probleme bei der alltäglichen Umsetzung kolonialer Herrschaft sowie deren Auswirkungen auf die Bevölkerung. Dadurch macht sie deutlich, dass Recht nicht nur ein Unterdrückungsinstrument war. Denn zugleich bot es der kolonisierten Bevölkerung auch Möglichkeiten, die Kolonialmacht herauszufordern, und eröffnete ihr neue Handlungsspielräume.


Autorin:

Ulrike Schaper, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin.